Die Behandlung von Besenreisern mit Kochsalzlösung

Besenreiser nennt man Krampfadern, die ganz klein sind und ganz oberflächlich in der Haut Netze bilden. Manche Frauen haben keine großen Krampfadern, sondern nur Besenreiser. Es handelt sich hier also vor allem um ein kosmetisches Problem. Dieses ist aber sehr vordringlich, denn Besenreiser sieht man auch aus großer Entfernung und manchmal deutlicher als große Krampfadern.
Dagegen muss man also etwas tun. Die Angebote der Phlebologen sind hier spärlich. Entweder Sie lassen sich Polidocanol einspritzen, diesen giftigen Schaumbildner, der oft durch bräunliche Verfärbung der Haut das kosmetische Problem noch erhöht – und leider sehr oft nicht zu einem Verschluss der Besenreiser führt. Oder Sie lassen sich Besenreiser mit Laser wegmachen, eine schmerzliche Prozedur vergleichbar mit dem Vorgang einer Tätowierung. Wenn Sie ausgedehnte Besenreisernetze haben und sich für die Lasermethode entscheiden, müssen Sie schon starke Nerven haben.
Kann in diesem Fall die Einspritzung von Kochsalzlösung durchgeführt werden? In den alten Büchern heißt es, dass man hochprozentiges Kochsalz nur in Krampfadern spritzen darf, die dicker als 2 mm sind. Für diesen Hinweis war damals aber, wie ich vermute, das klägliche Arbeitsmaterial verantwortlich. Wenn Nadeln dicker als 1 mm sind, ist es schwierig, Besenreißer zu behandeln, die selten diese Stärke erreichen.
Ich habe das Spritzen von Besenreißern mit Polidocanol in einem Kurs gelernt. Dabei wurde eine kleine Insulinnadel von 0,3 mm Durchmesser genommen und das möglichst stark aufgeschäumte Mittel am Beginn eines Besenreiserkranzes eingespritzt. Diese Therapie erfordert erhebliches Geschick und ist zeitaufwendig. Sich hier in einem Arbeitsgang eine Stunde über ein Bein zu beugen und insgesamt vielleicht 100 Mal einzustechen ist keine Seltenheit.
Es ergab sich zufällig, dass ich mit Dr. Eichele, den Apotheker, der mich mit seinen Kochsalzzubereitungen versorgt, über das Thema sprach. Dass 27%ige Kochsalzlösung zu gefährlich wäre, meinte auch er.
„Wie steht es dann mit 10%iger Lösung?“ fragte ich ihn.
„Könnte funktionieren. Aber es kann sein, dass die Lösung zu schnell verdünnt wird und Sie keine Verschlussraten bekommen. Ich lasse mir da was einfallen und schicke es Ihnen zu.“
Zwei Wochen später bekam ich verschiedene Ampullen 10%iger Kochsalzlösung mit der Post. Einmal an einen Zucker gebunden, um die Fließgeschwindigkeit durch die Ader zu hemmen, dann wieder in Reinform. Ich habe beide Zubereitungen verwendet, und die Ergebnisse waren ziemlich gleich. Weitere Entwicklungen von Dr. Eichele werden übrigens mittlerweile von einzelnen Heilpraktikern ausprobiert. Dazu gehört auch der Schaumbildner Tween 80, eine etwas harmlosere Variante von Polidocanol. Ich kann mir vorstellen, dass sich diese ganz gut für die Behandlung von Besenreisern eignen, doch es scheint mir dabei die Reinheit der Lehre verloren zu gehen. Das Versprechen der Kochsalztherapie ist es ja, einen körpereigenen Stoff anzuwenden, wodurch Allergien oder andere unliebsame Reaktionen von vornherein ausgeschlossen sind. Wenn man dann über einen Umweg einen künstlich erzeugten Schaumbildner verwendet, der ja auch kleine Embolien hervorrufen kann, wird man diesem Anspruch nicht mehr gerecht. Deshalb sagte ich Dr. Eichele auch, dass ich meine Experimente auf die Anwendung von 10%igem Kochsalz beschränken würde.
Ich habe mit normaler 10%iger Kochsalzlösung sehr gute Erfahrungen gemacht. Sie reicht in jedem Fall aus, Besenreiser so stark zu beeinträchtigen, dass sie sich verschließen. Wichtiger aber als diese Reaktion selbst ist die Analyse, mit welcher Ader man es wo zu tun hat, und wie groß die Menge an Kochsalzlösung sein muss, um die gewünschte Wirkung zu erreichen.
Es gibt zwei Arten von Besenreisern. Die erste entsteht durch eine Bindegewebsschwäche. Die Haut ist dünn, fast durchscheinend. Man sieht die größeren Adern blau in der Unterhaut und zusätzlich die feinen Spinnennetze der Besenreiser, die im Grunde genommen nicht viel mehr sind als erweiterte Kapillaren, die es in der Unterhaut ohnehin gibt. Es sind fast gesunde kleine Venen, die sich aber im Laufe der Zeit durch die Schwäche des Gewebes erweitert haben. Diese Besenreiser behandelt man so, dass man in eine größere durchscheinende blaue Ader eine Venenkanüle einsetzt, 10%ige Lösung hinein spült und diese durch Umlagerung nach und nach über die Stelle verteilt, auf der die Spinnennetze zu sehen sind. Gibt es keinen Schmerz oder Krampf, ist die Behandlung nicht effektiv. Man spürt die ganze Haut taub werden oder brennen oder eben „krampfig“ reagieren. Man sieht oft auch, dass sich die Besenreiser zusammenziehen und weiß, dass hier eine nachhaltige Reaktion zu erwarten ist.
Die zweite Form von Besenreiser sind baumartige Strukturen, bei denen sich ein Büschel von Besenreißern aus einer kräftigen Krampfader erhebt, die aus der Tiefe in diesen Bereich aufsteigt. Manchmal ist das sichtbar oder tastbar. In anderen Fällen sucht man sich für den Einstich eine nahe gelegene Vene, spritzt dort Kochsalzlösung hinein, wobei man je nach Typ zwischen der 10%igen oder der 27%igen Lösung wählt. Dann wartet man die Wirkung ab. Oft blasst der „Baum“ ab als Zeichen der Wirkung in der Tiefe. Der „Stamm“ zieht sich zusammen und lässt zumindest vorübergehend keine Durchblutung durch. Das ist ein gutes Zeichen dafür, dass die Therapie effektiv sein wird.
In manchen Fällen gab es gute Behandlungserfolge von Besenreisern durch eine Kanüle, die in eine gesunde Hautvene am Fußrücken eingeführt wurde. Von hier aus konnte man einen Zugang zum oberflächlichen Venengeflecht gewinnen und durch geschickte Umlagerung die Besenreißer des gesamten Beins erreichen. Manchmal ist das nicht möglich und man muss mehrmals einstechen, um diese Wirkung hervorzurufen.
Eine große Vene oder Krampfader für die Besenreisertherapie durch Fernwirkung zu nutzen ist meist aussichtsreicher als das einzelne Anstechen von Besenreisern mit der kleinen Nadel, die nur 0,4 mm Durchmesser hat. Hier kommt es häufig zu Fehlinjektionen und zu einem Brennen, das die Patientin mitteilen muss. In dem Fall wird die Lösung wieder durch Hinzuspritzung von physiologischer Kochsalzlösung verwässert. Dieses „Löschen“ muss gut dosiert sein, denn ansonsten tritt eine Entzündung im Gewebe ein. Die Grundregel ist einfach: So lange es „brennt“, muss man „löschen“. So entsteht ein beständiges Hin und Her. Man fragt die Patientin, ob es brennt und wie lange noch, und sie gibt Antwort. Wenn es nicht brennt, spritzt man, und das, so lange es irgendwie Sinn macht. Mit der kleinen Nadel sucht man in Fällen, in denen der „Stamm“ mit dem Katheter nicht erreichbar war, bei baumartigen Besenreisern ein zentrales Gefäß. Das Gefühl sagt einem dann, ob man es getroffen hat. Man spürt das Nachgeben der Aderwand, verharrt an dieser Stelle und lässt ganz langsam Kochsalzlösung eindiffundieren. Hier muss man Geduld haben. Manchmal kann es ein, zwei Minuten dauern, bis die Lösung wirklich von einem zentralen Gefäß in die kleinen Besenreiser eingeflutet ist.
Bei einer Studie habe ich insgesamt 100 Patientinnen im Alter zwischen 31 und 67 Jahren aufgenommen, bei jeder das gesamte Bein bearbeitet und sie in 3 Monaten wieder einbestellt.
Zwei Patientinnen kamen nicht mehr zur Kontrolle und waren nicht erreichbar. 74 Patientinnen waren mit der Behandlung zufrieden. Die behandelten Besenreiser hatten sich zum Großteil aufgelöst. 13 Patientinnen waren von der Wirkung überzeugt, verlangten aber eine Nachspritzung, die dann auch durchgeführt wurde. 11 Patientinnen waren mit der Behandlung nicht zufrieden. Die Besenreiser bestanden weiterhin, wobei man den Eindruck hatte, dass sich ihre Lage verändert hatte. Wahrscheinlich hatten die ursprünglichen Besenreiser reagiert, aber es waren sofort wieder neue entstanden. 8 dieser Patientinnen hatten netzförmige Besenreiser, und 3 baumartige Besenreiser.
Insgesamt hat sich die Besenreisertherapie mit Kochsalzlösung sehr bewährt. Die überwiegende Mehrheit der Behandelten war sehr zufrieden, nur in seltenen Fällen fand sich keine Lösung aufgrund der konstitutionellen Verhältnisse. Wo kein Erfolg vorlag, habe ich naturheilkundliche Umstimmungsmaßnahmen eingeleitet, die aber in den ersten beiden Jahren keine überzeugenden Verbesserungen erbrachten. In einzelnen Fällen entstand ein kosmetisch fragwürdiges Ergebnis, da man zwar an den behandelten Stellen eine schöne Abblassung hatte, aber immer wieder noch andere Stellen mit Besenreißern verbleiben, die durchaus noch hervortraten. Ich habe für Besenreiser eine Zeit lang Behandlungsgarantien abgegeben und einzelne Patientinnen im Zeitraum von drei Jahren bis zu acht Mal behandelt. Wenn man so intensiv an der Sache dranbleibt, ist der Erfolg der Kochsalztherapie sehr eindrucksvoll. Allerdings ist der Aufwand so groß, dass man dafür wahrscheinlich höhere Behandlungspreise ansetzen muss. Mit einer einmaligen Injektion nach Professor Linser ist hier nämlich nicht viel ausgerichtet.